25 cruisen – die beiden kulturellen Rollen des Mofas

25 KM/h erscheinen Dir nicht als erstrebenswerte (Höchst-)Geschwindigkeit?
Wohl wahr, wohl kaum.

Ich hatte Fahrräder, mit denen man durchaus schneller fahren konnte – und das kostete nicht mal Sprit. Und doch erinnere ich mich an mein erstes Mofa gut, denn das erste Mofa war das erste motorisierte Fahrzeug. Das bedeutete: Die erste Stufe auf der langen Treppe des Erwachsenwerdens, was bedeutete, nicht mehr verschwitzt beim Sport ankommen.

Und weit mehr: Es bedeutete den Zutritt zu einer anderen Welt. Nix Muskelkraft, sondern Gas geben. Als Erwachsener ist das nicht mehr ganz so leicht nachvollziehbar – aber ich war im Besitz eines Salomon-Rucksacks, der ziemlich ausladend war und einer dieser Adidas-Taschen, die nach dem Sport auf den Gepäckträger passte. Mit dieser Konfiguration gelang es mir, ein Zelt und die kompletten Klamotten für ein langes Campingwochende zu einer nahegelegenen Talsperre zu schaffen – samt Hansa Dosenbier.

Irre effizient, oder?

In Phasen war mir mein Mofa tatsächlich in stillen Stunden ein wenig peinlich – und das, obwohl es sich um eine Hercules Prima 5S handelte, damals so etwas wie der vielzitierte Mercedes unter den Mofas, ehrlich. Unter Mofa Fahrern war man damit schon Gottes kleiner Bruder – gegenüber den restlichen Verkehrsteilnehmern war die Überlegenheit eher endlich…

Vor allem die Beschränkung auf 25 Kilometer in der Stunde war natürlich… äh… frustrierend. Deine Kumpels fahren schon 80er und 125er oder Autos und du hast dieses Ding. Mit einem Mal erscheint dir das Ding mickrig, klein, tendenziell lächerlich. Vor allem, weil Deine Freundin mit dir Schluss macht und plötzlich einen Typen mit einem Motorrad hat – mit einem großen Kennzeichen… Mann!

Also besorgst Du dir „Mofas seziert und frisiert“ und Bücher mit vergleichbaren Titeln und kopierst die alle Seiten, auf denen gezeigt wird, wie man ein Mofa schneller macht, ohne groß in die Tasche greifen zu müssen. Und hey – wir reden von einem einfachen Zweitakter, der in der Prima deutlich unter seinen Möglichkeiten bleibt. Mit 50 Kubik geht eine Menge – vor allem dann, wenn Du die Übersetzung veränderst. Am Ende ging die Prima fast 60 – was ich bis dahin immer für Anglerlatein gehalten hatte. Aber im Ernst: Jeder, der mit einem Schraubenzieher und einer Feile umgehen kann, brachte das Ding an einem Nachmittag schon mal auf 45 KM/H – und das war Mokick-Klasse. Meine Prima aber zog ein Mokick locker ab – es ist eigentlich kaum auszudenken, was sich im Geschwindigkeitsbereich zwischen 45 und 60 für gigantische Unterschiede in der Zweirad-Parallelwelt ergeben – ein Geschwindigkeitsunterschied, den Du heute bei Deinem Wagen nur noch wahrnimmst, wenn Du geblitzt wirst – sonst ist es wirklich egal.

Und wir waren der Überzeugung, dass es einen Unterschied macht, wie du dich da in die Kurve legst, welche reifen du fährst und ob du Frosties oder Crunchy Nuts gefrühstückt hast.

Stoff für Jahre von Benzingesprächen – eine geile Zeit.

Später bekam ich dann Angst und baute ein paar Sachen zurück – der nächste Führerschein nahte, da riskierst Du nix.

Das Mofa stand eine Zeitlang herum und schließlich spricht mich irgendwann mein Onkel an und sagt, er könnte die Hercules Prima verkaufen – nicht zu meinem Wunschpreis, aber ich hatte nichts damit zu tun.

Und so lernte ich die zweite wichtige Aufgabe des Mofas in unserer Gesellschaft kennen: Motorisierung auf unterstem Niveau. Der Mann, der mein Mofa kaufte, war in den späten 50ern und wohl am ehesten das, was man damals „stadtbekannt“ nannte. Georg – oder im Volksmund „Schorschle“ war kein typischer Erfolgsmensch, irgendwo im Leben falsch abgebogen. Der Tod seiner Frau spielte eine Rolle, aber so ganz genau wusste das niemand. Schorschle war kein Penner oder so – einfach nur jemand, der sein Leben eher auf einem einfachen Standard lebte. Schorschle arbeitete hier uns da kleiner Jobs, war handwerklich begabt – und: Vor 1965 geboren. Wer vor dem 1.4.1965 geboren war, der konnte Mofas noch ohne Führerschein fahren. Das wurde erst 1980 geändert, galt aber eben fort für all jene, die das 15. Lebensjahr zu dem Zeitpunkt schon erreicht hatten. Und so einer war Schorschle.

Er hatte keinen Führerschein, kein richtig großes Einkommen – aber zu seinen Jobs kam er mit dem Mofa, meiner alten Prima 5s. Dass die in der Ausbaustufe des Verkaufs immer noch gute 40 ging, war ihm sehr recht – wir lebten in einer bergigen Gegend – da half das nicht nur beim Rasen, sondern auch, wenn es wieder einmal irgendwo steil wurde.

Die Versicherung für ein Mofa lag seit Jahren stabil bei etwa 100 Mark, jeweils beginnend am 1. März. Ein niedrig belasteter Zweitaktmotor mit Gemischtschmierung hat eine Handvoll beweglicher Teile – das war vollkommen berechenbar, was sollte da schon groß kaputt gehen? Minimalistisch, die Minimalmotorisierung einer anderen Gesellschaft. Was mir Freiheit und Abenteuer gewesen war, war für Schorschle der Weg zur Arbeit. Gute 6 Kilometer zu dem Lagerjob, den er meistens machte. Der Unterschied von 25 KM/h Höchstgeschwindigkeit zu 40 KM/h ist da schon ein Wert – das macht täglich ein paar Minuten. Hier fing das Thema dann plötzlich an, eine echte Wirkung zu entfalten, als ich begann, mit meinem neuen Führerschein Autobahnen unsicher zu machen und andere Prioritäten hatte.

Schorschle hatte mit meiner Prima einen Schritt gemacht, den wir in vielen Komponenten allgemeinen Wohlstandes von heute kaum noch recht nachvollziehen, geschweige denn nachempfinden können.

Was mir ein Mittel zum Zweck der cooleren Fortbewegung war, des Status‘, des Glanzes, war für Schorschle Basistechnologie. Er fuhr meine Prima 5S noch 10 Jahre – bis zu einer Zeit, da ich tatsächlich längst mit dem Studium fertig war und mich in Dienstwagen-Fantasien begab.Dann verschwand Schorschle von der Bildfläche und ich kenne niemanden, der mir bis heute sagen könnte, was aus ihm geworden ist und warum er plötzlich nicht mehr an den üblichen Plätzen auftauchte. In meinem Hinterkopf pocht seitdem diese Frage, ob Georg an dem Unfall beteiligt war, bei dem ein Mofa-Fahrer auf der großen Umgehungsstrasse von einem Tanklaster erfasst wurde – und warum ich seinen Nachnamen eigentlich nie erfahren hab.

Born on the wrong side of town.