Luxus entstand in anderen Dimensionen

Vor ein paar Tagen bin ich wieder einmal Rolls Royce gefahren.

Einen Silver Seraph.

Der gehört einem guten Freund von mir, der vor ein paar Jahren wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde zu einem Rolls für einen Euro gekommen ist und der Marke anschließend verfallen ist. Und das wird sich wohl nie wieder verändern und zieht sich jetzt immerhin von einem Silver Spur über einen sehr späten Silver Spirit und einen Silver Dawn bis zu dem neuen Silver Seraph, Erstzulasung 2003.

Aber das ist eine separate Geschichte.

Altes Geld für alte Ideen

Ich habe immer schon große Autos gemocht, war nie ein Raser, sondern liebte stets die großen S-Klassen, US-Kreuzer, Volvos und Jaguars und hätte solche Fahrzeuge immer einem 911er oder Ferrari vorgezogen. Und zu dieser Kategorie Autos gehörten eben auch Rolls Royce.

Obwohl ich aus einer vollkommen „normalen“ Familie kam, die nie etwas exotischeres als einen Ford Taunus 2.3 bessessen haben, dessen mit Abstand exotischstes Merkmal seine beiden „überflüssigen“ Zylinder waren, hatte ich das Glück, meinen ersten Rolls schon mit 19 fahren zu dürfen, weil ich ein Patent als Rolls Royce zertifizierter Chauffeur erwarb.

Und ich war immer unglaublich fasziniert von diesen Wagen, von seiner Präsenz, von seinem Luxus, von seinem Überfluss.

Das vergangene Wochenende hingegen verwirrte mich. Der Rolls Royce Silver Seraph, der den Übergang vom Mutterhaus zu BMW markiert, ist ein Wagen, der um Längen besser ist als seine beiden Vorgänger, die zu ihrer Zeit in mehrerlei Hinsicht das Maximum des technisch machbaren in Sachen Luxus definierten.

Mit dem warst Du in München ebensogut angezogen wie in Nizza und Cannes

Und so auch der Silver Seraph.

Gediegen, luxuriös, schrullig im Detail, wertvoll bis ins Mark, britisch, elegant, massig, beeindruckend. Wow. Designerisch schön, ausgewogen, elitär im besten Wortsinne. Ein Traum für jeden Auto-Enthusiasten und dem massigen Nachfolger Rolls Royce Phantom in der Eleganz seiner Erscheinung im Lichtjahre überlegen.

Aber dann steigst Du in Deinen Dienstwagen Mercedes S213 aus dem Jahre 2018, startest den unhörbaren Motor und fährst mit 160 im direkten Vergleich mit dem 15 Jahre alten Rolls über die Autobahn zurück, die sich wie 90 anfühlen, weil der Wagen so unfassbar leise und gut gedämpft ist – selbst verglichen mit seinen direkten Mitbewerber vom Schlage eines 5er BMW oder Audi A6.

Und plötzlich kannst Du regelrecht fühlen, wie es irgendwo in der Geschichte des Automobils Klick gemacht hat und ein kleines Licht ausging. Das Licht der Überlegenheit, dass Marken wie Rolls Royce einst hatten.

Luxus entstand hier in anderen Dimensionen.

Ein Mercedes W126 fährt sich äußerst komplex – von distinguiert bis sportlich, vor allem als 500SE. EIn Rolls Royce Silver Spirit war das Maß der Dinge in seiner Zeit, nicht zu erwähnen sein Vorgänger. Aber der 15 Jahre jüngere Benz hat das nicht nur eingeholt, er hat es komplett überholt. Jedoch.: Hier entsteht der Luxus aus all den Gizmos: Der Ruhe durch die dicken Scheiben und fantastischen Dichtungen und Dämmungen und kleine elektronischen Helferlein überall. Dem gekoppelten Handy, dass dich via Google-Services mit der Welt verbindet, die 6 Liter realistischen Verbrauches, die Leichtigkeit, mit der sich der Wagen auch von Anfängern bewegen lässt, die Einfachheit einer Automatik, die von selbst die Handbremse für dich zieht. Hightech  übernimmt das Ruder und nimmt die Rolle ein, sich um die Leichtigkeit zu kümmern – cooler Verbundmaterialien erledigen den Rest. Die Rache der Eierköpfe, wenn Du so willst.

Ungeschlagen in seinem Terrain

Beim Rolls war es die Liebe zum Detail der Luxuriosität, das mehr an Material, das zuviel des Guten, das arrogant überlegene, mit dem das Menü des Luxuswagens serviert wurde. Es war das luxuriöse Fahren, das dahinschweben, dass dadurch ermöglicht wurde, dass das krasse Mehr an Material zu einem krassen Übergewicht führte – mechanisch stets die beste Voraussetzung für eine satte Federung. Leichte Autos gescheit zu federn, ist deutlich komplizierter oder war es vor allem mit den Mitteln der 70er, 80er und 90er.

War jenseits seiner Federungs-Komplexität nie ein Highlight – aber ein automobiles Highlight seiner Zeit war er. Und er war es auch noch, wenn er bereits 15 Jahre alt war

Objektiv betrachtet ist so ein Rolls Royce, der nach 15 Jahren noch soviel kostet wie eben jene neue E-Klasse messbar schlechter, der Kofferraum kleiner, die Sitze weniger langstreckentauglich, der Verbrauch unnötig hoch – und mit der Ruhe ist es ab 150 auch Schluss.

Und klar: in den Rolls kannst Du irgendwelche Humidore und ähnlichen Tinnef für die Elton Johns dieser Welt einbauen – den realistischen Luxus genießt Du in dem neueren Wagen, der drei klassen kleiner ist.

Irgendwie ist mir diese Entwicklung über die letzten Jahre echt entgangen und jetzt fühle ich mich ein wenig wie ein Kind, dass 3 Jahre seines Lebens davon geträumt hat, ein Ketcar zu besitzen und nu  feststellen muss, dass so ein Mountainbike irgendwie mehr kann…

Ich könnte mir auch einen Silver Seraph leisten – aber ich werde mir keinen kaufen, obwohl ich das seit dem ersten Mal im Bentley T2 vorhatte.

Helden sterben – und manchmal erfährst du es erst weit nach der Beerdigung.